23. SbE-Jahrestagung: "Anschläge, Terror und andere unsichere Lagen"

 

Teaserfoto JT2018

80 Teilnehmer*innen aus Polizeien, Rettungsdiensten, Feuerwehren, Hilfsorganisationen und Unternehmen sowie regionalen SbE- bzw. PSNV-E-Teams bildeten ein interessiertes und aufmerksames Fachauditorium bei unserer 23. SbE-Jahrestagung. Neben dem erstklassigen Vortragsprogramm kam auch der Austausch untereinander nicht zu kurz.

Anders als in den Jahren zuvor hatten wir diese Tagung unter ein einziges Thema gestellt: "Einsatznachsorge bei Anschlägen, Terror und anderen unsicheren Lagen". Im Mittelpunkt dieser Tagung stand der Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum am 22. Juli 2016 in München ...



Polizeidirektor Ulrich Rothdauscher, der die Einsatzzentrale der Münchener Polizei und die Gruppe der Höheren Beamten vom Dienst leitet, berichtete über diesen Einsatz, der über viele Stunden die Stadt München und medial ganz Deutschland in Atem gehalten hat. Er stellte anschaulich dar, was an diesem Abend an Anrufen einging, welche Einsatzlage sich daraus ergeben hatte und welche Schwierigkeiten durch die unklare Lage für alle am Einsatz beteiligten Gruppen entstanden. So entwickelte Rothdauscher auch für Außenstehende ein klares Bild davon, wie hoch komplex und rasant sich ein solcher Einsatz im digitalen Zeitalter und durch soziale Medien befeuert  - und nicht zuletzt auf Grund der Erfahrungen aus weltweiten Terror-Anschlägen - zu einer äußerst diffusen Einsatzlage entwickelte. Und es war beeindruckend zu sehen, wie lange es durch die zahlreichen Meldungen aus verschiedenen Münchener Stadtgebieten dauerte und welche Anstrengung es kostete, bis diese Lage zu einer eindeutigen und sicheren wurde.

Im Anschluss daran schilderte Oberregierungsrätin Dipl.-Psych. Celeste Leipold sehr eindrücklich die spezifischen Belastungen, die eine solche Lage mit unklarer, hoher Gefährdung bei den eingesetzten Polizeibeamt*innen (und ihr selbst) ausgelöst hatten. Frau Leipold wurde an dem Abend im Rahmen des Zentralen Psychologischen Dienstes der Bayerischen Polizei im Einsatz alarmiert und hat auch in der Folgezeit viele Beamt*innen mit ihren Reaktionen und Fragestellungen betreut. Ihr Fazit: Man-made-disaster erzeugen durch ihre starken Tabu-Brüche und die latente Bedrohung häufigere und schwerwiegendere posttraumatische Folgestörungen. Das angstauslösende Potential wird durch unklare Lagen bezüglich Gefährdung und taktischem Vorgehen sowie einer reduzierten Handlungsfähigkeit verstärkt. Diese Aspekte muss die Einsatznachsorge diesbezüglich im Blick haben und Celeste Leipold zeigte, wie durch spezielle präventive - auch mentale - Trainings die Handlungsfähigkeit gesteigert und irritierende Gedanken und Gefühle vermindert werden können.

Dipl.-Soz.Päd. Peter Zehentner führte das Auditorium noch einmal sehr eindrücklich in den Einsatz, dieses Mal aus Sicht der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr. Für die Mitarbeiter*innen von Feuerwehr und Rettungsdienst, aber auch für die PSNV-Kräfte selbst ergaben sich aus diesem Einsatz spezifische Schwierigkeiten. Peter Zehentner leitet das KIT München des ASB und war an dem Abend ebenfalls im Einsatz, verantwortlich für "seine" Mitarbeiter*innen. Die unklare Gefährdung führte u.a. bei Rettungsdiensten zu dem Dilemma helfen zu wollen, aber nicht zu können. Nicht zu schwer Verletzten vordringen zu können, da der Bereich als nicht sicher gilt oder aber in unübersichtlicher allgemeiner Gefährdung selbst die Verantwortung zu übernehmen: Gehe ich/schicke ich meine Leute hinein trotz nicht einschätzbarer Gefährdung? Dies galt auch für die PSNV-E-Kräfte, die wiederum vor dem Problem standen, in unsicheren, lebensbedrohlichen Lagen Sicherheit geben zu wollen?

Am Nachmittag wurde das Thema vertieft mit einem Vortrag von Werner Schiewek, Landespfarrer für Polizeiseelsorge in Westfalen und Lehrbeauftragter für Berufsethik an der Hochschule der Polizei, an der die Beamten des Höheren Dienstes der Polizeien ausgebildet werden. Unter dem Titel "Unsicherheit, Angst, Verantwortung" sprach er über ethische, emotionale und kollegiale Herausforderungen in lebensbedrohlichen Einsatzlagen. Ausgehend von nationalen und internationalen terroristischen Anschlägen der jüngsten Vergangenheit sowie historischen Vorbildern verdeutlichte er, warum diese Angriffe zu einer emotionalisierten, von Angst und Unsicherheit geprägten Wahrnehmung führen und vor welchen Dilemmata jeder einzelne von uns und insbesondere die polizeiliche Arbeit steht. Die verschiedenen moralisch-ethischen Spannungsfelder im Hinblick auf die eigene Person und Werte, auf Kolleg*innen, auf Opfer und Täter und das eigene Handeln wurden von Schiewek detailgenau dargelegt. Außerdem stellte er Ansätze vor, welche inneren Haltungen und Grundentscheidungen den Weg zu einer Bewältigung möglich machen könnten - auch wenn Herausforderungen und Fragen bleiben. Diese Grundlagen halfen besser zu verstehen, mit welchen speziellen Themen die PSNV-E in solch lebensbedrohlichen Lagen konfrontiert wird und arbeiten muss.

Nach so viel fachlichem Input war der anschließende Austausch in moderierten Kleingruppen, der Raum und Zeit für eigene Gedanken und Fragen bot, ein gelungener Abschluss dieser Tagung.

Für alle, die länger blieben, gab es am Samstagabend nach dem vielen Zuhören und dem schweren Thema noch ein Bewegungsprogramm. Trotz Gewitterneigung im Süden und Westen Deutschlands blieb Witten verschont und die leichte Schnupper-Radtour ein (kleines) Stück entlang des Ruhrtal-Radwegs konnte - wie geplant - stattfinden. Möglich gemacht hatte dies u.a. die Radstation Witten, die uns mit Mieträdern in ausreichender Zahl direkt vor dem Tagungshaus versorgte. Nach einer dreiviertelstündigen Etappe und dem Übersetzen mit der berühmten kleinen Radfähre über die Ruhr kehrte die Gruppe dann im Biergarten des Königlichen Schleusenwärter-Häuschen zu Essen, Trinken und Klönen ein.

Die 24. SbE-Jahrestagung wird vom 03.-05. Mai 2019 in Witten stattfinden: Save the date!

 

Download: Aktuelles_Jahrestagung_2018 (PDF)

Download: Programm Jahrestagung 2018 (PDF)

Download: Vortrag Celeste Leipold "Spezifische Belastungen von Einsatzkräften in unsicheren Lagen - aus Sicht der Polizei" (PDF)

Download: Vortrag Peter Zehentner "Spezifische Belastungen von Einsatzkräften in unsicheren Lagen - Feuerwehr, Rettungsdienst, PSNV" (PDF)

 (Hinweis: Einige Präsentationen sind auf Grund der internen Inhalte gekürzt.)

 

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